Glückwunschkarte zu Neujahr (Rosch Haschana), gedruckt für den amerikanischen Markt; 20. Jahrhundert; Papier, Reliefdruck, gestanzt
Beim Aufklappen dieser Karte erscheinen zwei Bildebenen hintereinander gestaffelt, so dass ein bühnenartiger Raumeindruck entsteht.
Auf der hinteren Bildebene, vor einer weiß-goldenen Kolonnade mit Vergissmeinnichtblüten tragen vier Männer im feierlichen Zug Torarollen von der Heiligen Lade herab. Sie werden von zwei Fähnchen schwenkenden Buben begleitet.
Auf der vorderen Bildebene erhält ein Junge von einem weißbärtigen Rabbi im Kittel den Segen. Dazu gehört die englische Inschrift „Happy New Year”.
Die beiden Szenen spielen auf den ersten und den letzten Feiertag der Festperiode im Herbst an, die das jüdische Jahr einleitet.
Der weiße Kittel des Rabbiners in der unteren Szene verweist auf Neujahr (Rosch Haschana) und den zehn Tage später stattfindenden Versöhnungstag (Jom Kippur), zu denen traditionell weiße Sterbegewänder angelegt werden.
Die Fähnchen schwenkenden Buben verweisen auf das Fest der Torafreude (Simchat Tora), das 13 Tage nach Jom Kippur gefeiert wird.
Die Haggada (hebr. Erzählung) ist eine Sammlung von Bibeltexten, religiösen Dichtungen, Liedern und rituellen Vorschriften zum Pessachfest. Das Buch wird an den ersten beiden Festabenden während einer zeremoniellen Mahlzeit (Seder) vorgetragen, die symbolisch die letzte Mahlzeit der Israeliten vor ihrem Auszug aus Ägypten nachfeiert.
Die frühesten illustrierten Haggada-Handschriften erscheinen in Westeuropa im 13. Jahrhundert, der Kernbestand des Textes wurde jedoch schon im 9. Jahrhundert von babylonischen Gelehrten festgelegt.
Das vorliegende Exemplar wurde 1731 von Jakob Michael May für seine Eltern nach dem Vorbild der in Amsterdam gedruckten Haggadot mit der Hand geschrieben und illustriert. Der Schreiber entstammte einer angesehenen Hofjudenfamilie aus Innsbruck, die im 18. Jahrhundert in verschiedenen Städten Süddeutschlands hohe Positionen bei Hofe und in den jüdischen Gemeinden innehatte.
Der Auszug aus Ägypten. Pessach-Haggada, Frankfurt am Main, 1731; Pergament handgeschrieben, illuminiert; Stiftung Ignatz Bubis
Die Erinnerung an das historische Ereignis des Auszuges aus Ägypten erscheint hier im Gewand der Gegenwart: der Exodus wird als feierlicher Korso geschildert, dessen Teilnehmer Festtagskleidung des 18. Jahrhunderts tragen wie bei einem Schabbatspaziergang vor den Toren der Frankfurter Judengasse. Das Nacherleben von Geschichte in der eigenen Gegenwart ist ein Eckpfeiler des Judentums und die Haggada ist ein herausragendes Zeugnis für diese Form der Erinnerung.
Pessachteller von Meister Johann Heinrich Hersing; Bielefeld, nach 1739; Zinn geätzt und graviert; aus dem Besitz von Bruno Italiener.
Dieser Teller war für die symbolischen Speisen bestimmt, deren Verzehr am Sederabend zu Pessach an die letzte Mahlzeit der Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten erinnert.
Im Spiegel und auf der Fahne sind Datum und Besitzernamen eingraviert: Der Teller gehörte dem Gemeindebeamten Jeremia, Sohn des Jakob aus P.b. (vielleicht Paderborn) und seiner Frau Serche, Tochter des Samuel Moses Segal. Vollendet wurde die geätzte Inschrift am 4. Schewat 5504 (d.i. 18. Januar 1744).
Die Besitzerinschriften werden durch die Darstellung des Sündenfalls und der Opferung Isaaks sowie der Darstellung der „vier Söhne”, der Könige David und Salomo aus der Haggada ergänzt.
Die Gravur ist volkstümlich; die naive Wiedergabe der Figuren orientiert sich an zeitgenössischen illuminierten Handschriften, die ihrerseits Stiche gedruckter hebräischer Bücher imitieren.
Die nahezu quadratische Tasche aus violettbraunem Samt enthält drei Fächer für das ungesäuerte Brot (Matza), das während der Sedermahlzeit zu Pessach verspeist wird.
Die Fächer sind hebräisch bezeichnet mit „Kohen”, „Levi” und „Israel”. Damit sind die Empfänger des ungesäuerten Brotes in biblischer Zeit gemeint, die Tempelpriester (Kohanim, Einzahl: Kohen), ihre Assistenten (Leviten) und alle übrigen Angehörigen des Volkes Israel.
Auf der Oberseite sind die hebräischen Segenssprüche für das Essen der Matza und der bitteren Kräuter, die bei dieser Mahlzeit vorgeschrieben sind, mit Kreuzstich eingestickt. Im gleichfalls gestickten Blütenkranz aus Vergissmeinnicht und Rosen steht das Besitzermonogramm in lateinischer Zierschrift.
Solche Matzataschen in runder oder eckiger Form gehören neben dem Sederteller, den Weinbechern und der Haggada zur traditionellen Ausstattung einer Pessachtafel.
Matzatasche; Deutschland, Ende 19. Jahrhundert; Baumwollsamt, bestickt, mit Goldfransen besetzt
Sehr wohlhabende Familien leisteten sich auch einen silbernen Aufsatz aus vier übereinander gestellten Tabletts, von dem die drei unteren für die Matzen bestimmt waren und das oberste mit verschiedenen Kleinbehältern für die symbolischen Speisen.
Etrogdose; Meister Georg Wilhelm Schedel; Frankfurt am Main, nach 1722; Silber vergoldet
Die Dose in Form einer großen Zitrusfrucht auf silbernem Eichenlaubkranz war zur Aufnahme des Etrog bestimmt. Dieser gehört zum Feststrauß, der während des Laubhüttenfestes (Sukkot) im Herbst zur Erinnerung an die vierzigjährige Wüstenwanderung der Israeliten gebunden wird.
Da in vielen Diasporagemeinden nördlich der Alpen die Beschaffung des Etrog, einer Südfrucht, umständlich und schwierig war und er nur dann verwendet werden durfte, wenn er keinerlei Beschädigung aufwies, bewahrte man die Frucht in einem kostbaren Behälter auf.
Der Feststrauß besteht aus je einem Zweig von Bachweide, Myrte und Palme sowie dem Etrog. Er wird während des täglichen Festumzuges in der Synagoge nach den vier Himmelsrichtungen geschwungen.
Nach volkstümlicher Auffassung sollen die vier Gewächse vier unterschiedliche Menschentypen darstellen: Der duftende und prächtige Etrog symbolisiert den gut aussehenden Menschen von großer Austrahlung, der elegante, aber trockene Palmzweig den schönen ohne Ausstrahlung. Den Typus mit viel Ausstrahlung, aber unscheinbar von Aussehen, verkörpert die wohlriechende Myrte, und jenen, der weder durch Ausstrahlung noch Aussehen auffällt, symbolisiert die schlichte Bachweide.
Das biblische Buch mit der Geschichte der Königin Ester, die ihren Onkel Mordechai und alle persischen Juden vor der Vernichtung rettete, wird am Fest Purim gelesen, das eben dieser Rettung gedenkt. Der Text ist auf einer Pergamentrolle in zwölf Kolumnen handgeschrieben.
In den Interkolumnien sind die Protagonisten der Erzählung von König Ahaschwerosch und seiner ersten Gemahlin Waschti über Ester und Mordechai bis zum Bösewicht Haman dargestellt.
Esterrolle. Italien, 18. Jahrhundert; Pergament, mit Sepiatinte beschrieben und illustriert
Ihre orientalisierenden Trachten wie auch die Medaillons und Tiermotive auf dunklem Grund orientieren sich an jenen Kupferstichen, die der jüdische Künstler Schalom Italia für Esterrollen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Amsterdam geschaffen hatte.
Diese gedruckten Esterrollen waren wie die gedruckten Haggadot aus Amsterdam ein „Exportschlager” für nahezu alle europäischen Gemeinden. Im 18. Jahrhundert, als die gedruckten Esterrollen mit den Kupferstichen von Schalom Italia längst vergriffen waren, wurden sie zu Vorbildern für handgeschriebene, mit Sepiatinte illuminierte Exemplare, wie es das vorliegende Beispiel zeigt.
Porträt Siegmund Nauheims (1874–1935); Radierung von Jakob Nussbaum; Frankfurt am Main, 1929
Die Sammlung der Chanukkaleuchter im Jüdischen Museum Frankfurt
Das Museum besitzt eine bedeutende und umfangreiche Sammlung von Chanukkaleuchtern, die einen guten Überblick über die Vielfalt der Leuchtertypen bietet, wie sie sich im Laufe von Jahrhunderten in verschiedenen Ländern Europas und des Nahen Ostens herausgebildet haben.
Teile des Bestandes stammen aus der Vorgängerinstitution, dem Museum Jüdischer Altertümer in Frankfurt. 1936 erhielt dieses Museum die einzigartige Sammlung von Siegmund Nauheim vermacht, dem Prokuristen des Bankhauses Rothschild in Frankfurt am Main. In dieser Sammlung befanden sich neben Büchern, Handschriften und anderen Judaica allein über hundert Chanukkaleuchter.
Siegmund Nauheim war als Sammler zugleich Forscher, der die Leuchter schon gezielt nach Epochen, Typen und Ländern sammelte und systematisierte, als Judaica noch kaum als Sammelobjekte beachtet wurden.
Mit der Plünderung des Museums Jüdischer Altertümer 1938 wurden der größte Teil der Sammlung und alle Inventare vernichtet, die Silberleuchter wurden eingeschmolzen. Die Leuchter aus unedlen Metallen waren für die Schmelze uninteressant und wurden im Historischen Museum als Bruchbestand deponiert. 1987 wurden diese Leuchter restauriert und in die Sammlung des Jüdischen Museums integriert. Dieser Bestand wurde seitdem durch Stiftungen von Meta Gorski und Ignatz Bubis sowie durch einzelne Neuankäufe erweitert.
Diese Leuchter werden während des Lichterfestes (Chanukka) benutzt, das an die Wiedereinweihung des Tempels und seines goldenen Leuchters nach dem erfolgreichen militärischen Aufstand der Makkabäer gegen die Seleukiden im 2. Jahrhundert v. Chr. erinnert.
Während des achttägigen Festes werden die acht Lichter nacheinander – jeden Tag eines mehr – mit einem gesonderten Dienerlicht angezündet.
Der Bankleuchter besteht aus einer rechteckigen Tropfschale, über der die Reihe der acht Lichtnäpfe sitzt. Die Rückwand ist ein wiederverwendetes Grenadiermützenschild der Truppen der Vereinigten Ostindien-Compagnie, das mit einer Kupferplatte versteift wurde. Es haben sich einige solcher Chanukkaleuchter erhalten, die Grenadiermützen wiederverwenden.
Chanukkaleuchter. Deutschland (?), 18. Jahrhundert; Messing und Kupfer, gestanzt und getrieben; Sammlung Siegmund Nauheim
Vermutlich erschien die auf den Schildern dargestellte Militärikonographie, wie Säbel, Kanonen und Granaten usw., als besonders geeignet, um auf den historischen Hintergrund des Chanukkafestes zu verweisen.
Bei diesem Leuchter fehlt seit 1938 das Dienerlicht, das ursprünglich oben rechts in der Rückwand des Leuchters eingesteckt war.
Chanukkaleuchter; Meister Johann Fridolin Schulthes; Koblenz, um 1790; Silber, getrieben, Steinbesatz
Die Leuchterbank, der heute die acht Lichtnäpfe fehlen, ist mit einem ganzen Bühnenprospekt als Rückwand verbunden. Die von Doppelsäulen getragene Aedicula-Architektur schließt den halbkreisförmigen Altarraum mit der Bundeslade ein, vor dem die Silberfiguren von Moses und Aaron wie Schauspieler agieren.
Die sehr detaillierte, ziselierte Architektur bezieht sich in ihren Einzelformen auf die damals gerade wiederentdeckten Tempel der Antike. Das Giebelrelief zeigt die Geschichte von Judit und Holofernes, die als historisches Ereignis zeitgleich mit der Wiedereinweihung des Tempels angesetzt wird. Die über dem Architrav montierte Gemme stellt das Isaakopfer dar.
Die Stadt Koblenz, in der der Leuchter entstanden ist, hatte um 1790 eine zwar kleine, aber bedeutende und alte jüdische Gemeinde. Ihr Leben spielte sich, ähnlich wie in Frankfurt, in einer einzigen Gasse ab. In dieser Gemeinde gab es einzelne, wohlhabende Mitglieder, wie z.B. die Hofjuden des Erzbischofs von Trier, und in diesem Kreis wird man die Auftraggeber dieses außergewöhnlichen Leuchters suchen müssen.
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