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Die Lebensbedingungen der Juden änderten sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht wesentlich: Rechtlich blieben sie unter Sondergesetze gestellt, in der Judengasse lebend, wirtschaftlich auf Geldwesen und Kleinhandel eingeschränkt. Nur wenige waren in der Lage, sich teilweise von den Einschränkungen zu befreien.
Mit der Aufklärung setzten Veränderungen ein, die sich zunächst nur auf einzelne Personen auswirkten, bald aber die gesamte soziale Gruppe der Juden berührten und weitreichende Folgen für ihre bisherige Geschlossenheit hatten. In Frankfurt allerdings verbesserten sich die Lebensbedingungen der Juden wesentlich erst in der Zeit der französischen Besatzung.
Bildung und Lernen sind zentrale Vorstellungen der Aufklärung; sie galten als Voraussetzungen eines veränderten Zusammenlebens zwischen der Bevölkerungsmehrheit und einer Minderheit. Aufhebung von Vorurteilen, gegenseitiges Interesse und Verständnis wurden als Ziele formuliert. Die Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts gegründeten christlichen Reformschulen und liberalen jüdischen Schulen symbolisieren diesen Aufbruch.
Gebete für das Neujahrsfest mit deutscher Übersetzung (Geordnet und übersetzt von Wolf Heidenheim. Neue, durchaus verbesserte Auflage, Rödelheim 1872) und Relief von Moses Mendelssohn (Österreich, 19. Jahrhundert, Elfenbeinrelief im Ebenholzrahmen mit Elfenbeinauflage)
Moses Mendelssohn (1729–1786) ist die zentrale Person der jüdischen Aufklärung. Er war Philosoph, Aufklärer und Lehrer der Juden.
1729 in Dessau geboren, ging er mit 14 Jahren nach Berlin, „um zu lernen”. Dort studierte er „Tag und Nacht” die deutsche Sprache, Latein, Englisch und Französisch, Mathematik und Philosophie. Seinen Lebensunterhalt verdiente Mendelssohn, indem er Abschriften des Talmud anfertigte. Später war er Hauslehrer bei einem Seidenfabrikanten, wurde dort Buchhalter und nach dessen Tod Mitinhaber der Firma.
Gotthold Ephraim Lessing und der Buchhändler und Verleger Friedrich Nicolai haben Mendelssohn zu philosophischen Gesprächen angeregt und ihn immer wieder ermutigt, zu schreiben und zu veröffentlichen. Gemeinsam bekämpften sie Vorurteile und Unwissenheit, forderten sie Toleranz und Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Juden.
In dem Drama „Nathan der Weise” hat Lessing Mendelssohn ein literarisches Denkmal gesetzt. Dieses Theaterstück rief starke Entrüstung in christlichen Kreisen hervor. So verbot z.B. der Frankfurter Rat 1779 den Vertrieb des Dramas, „welches den scandaleusesten Inhalt in Rücksicht auf die Religion enthielte”.
Mendelssohn, der selbst mühsam die deutsche Sprache lernen musste, forderte, dass Juden in der Schule Deutschunterricht nehmen sollten; er setzte sich allerdings ebenso dafür ein, die hebräische Sprache zu kennen. Seine Übersetzung der fünf Bücher Moses (Pentateuch), die in deutscher Sprache mit hebräischen Buchstaben geschrieben war, verstand er als Lehrbuch für Deutsch und für die Inhalte des jüdischen Glaubens.
In dem heutigen Frankfurter Stadtteil Rödelheim gründete der Gelehrte Wolf (Benjamin) Heidenheim eine Druckerei, in der Gebetbücher in deutscher und hebräischer Sprache gedruckt wurden. Das Hebräische blieb zwar die Gottesdienstsprache, doch wurde Wert darauf gelegt, daß die Texte auch wirklich verstanden wurden und individuelle Gebete auch deutsch gelesen werden konnten. Die Ausgaben von Heidenheim fanden weite Verbreitung. Bis heute sind die Nachdrucke seiner Bücher als „Rödelheimer Ausgabe” gekennzeichnet und weltbekannt.
Jakob Weil (1792 Bockenheim – 1864 Frankfurt) war Pädagoge und Publizist. Von 1814 bis 1819 unterrichtete er am Philanthropin, dann leitete er eine jüdische Privatschule auf religiös-liberaler Grundlage, das Weil'sche Knabeninstitut, das mindestens bis 1844 bestand.
Er war aktiv im Gemeindevorstand, veröffentlichte theologische Arbeiten und trat in Schriften für die Gleichstellung der Juden ein. Gottlieb Herz gab zeitweise Zeichenunterricht am Philanthropin.
Die Vorstellung, dass die Beherrschung der deutschen Sprache und eine allgemeine Ausbildung im Rechnen und Schreiben die wichtigsten Voraussetzungen waren, um die Unterschiede zwischen Mehrheit und Minderheit zu überbrücken, drückte sich in den zahlreichen Gründungen jüdischer Schulen für Kinder aus wenig bemittelten Familien aus, die sich keine privaten Hauslehrer leisten konnten. Als Lehrer fanden sich Menschen, die an Universitäten studiert hatten und sich der Aufgabe mit Idealismus und Begeisterung stellten.
Dr. phil. Jakob Weil. Gemälde von Gottlieb Herz, Frankfurt am Main, 1844, Öl auf Leinwand; Geschenk von Madeleine Elsaß, London
Nach langjährigen Auseinandersetzungen zwischen konservativen Rabbinern und Gemeindemitgliedern auf der einen und den Reformern auf der anderen Seite wurde in Frankfurt 1804 das „Philanthropin” gegründet, das als Schule der Israelitischen Gemeinde für jüdische und nichtjüdische Kinder eine Ausbildung vom Kindergarten bis zum Abitur anbot und bis 1942 bestand.
Brand der Judengasse am 14. Juli 1796. Zeitgenössische Zeichnung
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts richteten die jüdische Gemeinde und einzelne Juden zahlreiche Schreiben an den Frankfurter Rat und die Bürgerschaft, in denen sie um Erleichterung ihrer Lebenssituation in der Judengasse baten.
Sie verwiesen auf die schlechten hygienischen Verhältnisse und die Schwierigkeiten, die Kinder zu „brauchbaren Menschen” zu erziehen. Die Regierung reagierte mit Ablehnung.
Erst kriegerische Ereignisse brachten unerwartet Veränderungen: In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1796 beschossen und eroberten französische Truppen Frankfurt. Die Häuser im nördlichen Teil der Judengasse gingen dabei in Flammen auf: 140 Häuser wurden zerstört, 1 800 Juden obdachlos. Dieser Brand beendete faktisch das erzwungene Wohnen in der abgeschlossenen Judengasse.
Die öffentlichen Diskussionen um den Wiederaufbau der Häuser und die Errichtung eines Judenviertels zeigen sehr deutlich, dass während der Zeit der Aufklärung nur Einzelne ihre Ansichten über Juden änderten, eine Veränderung der politisch-sozialen Verhältnisse insgesamt aber nicht erwünscht war.
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