Jüdisches Museum Frankfurt am Main

Grenzen der sozialen Integration

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Dauerausstellungen Jüdisches Museum
Juden in Frankfurt 1800 – 1950
Grenzen der sozialen Integration

Als besonders diskriminierend empfanden die Juden, dass das Gesetz von 1824 weiterhin die Zahl der zugelassenen Ehen beschränkte und jeder Heiratswillige – ob Arzt, Rechtsanwalt, oder Bankier – beim Senat eine Genehmigung einholen musste. Für auswärtige Verlobte war der Erwerb des Bürgerrechts die Voraussetzung für die Ehebewilligung.

Die entsprechenden Anträge zogen sich oft über Jahre hin, die ablehnenden Antworten hatten immer den gleichen Wortlaut: „Es werden Bittsteller zur Geduld verwiesen”. Im Fall Hermann Schiff durfte die Heirat erst 1847 vollzogen werden. Die jüdische Gemeinde ließ nicht locker in dieser Frage.

Sie konnte vor 1864 einige Erleichterungen erreichen, vor allem für vermögende Juden, aber an der Reglementierung hielt der Senat fest. Trotz der Beschränkungen stieg die Zahl der Juden in Frankfurt stetig: 1800 lebten hier etwa 3 000, 1823 waren es 4 500, 1847 knapp 5 000 und 1864 dann 7 620. Das waren jeweils zehn Prozent der Bevölkerung.


Medaillen der Loge zur aufgehenden Morgenroethe; früherer Besitzer: Theodor Creizenach, Lehrer am Philanthropin und später an der Höheren Bürgerschule

Medaillen der Loge zur aufgehenden Morgenroethe; früherer Besitzer: Theodor Creizenach, Lehrer am Philanthropin und später an der Höheren Bürgerschule


Diese Logen sollten offen für Juden und Christen sein, aber nur wenige Nichtjuden fanden den Weg dorthin. Die Logen gewannen wichtige Bedeutung als Treffpunkt und Diskussionsforum, und die Mehrzahl der aufgeschlossenen und der prominenten Juden waren Mitglieder.

Die genannten Studentenverbindungen gehörten zum „Kartellconvent deutscher Studenten jüdischen Glaubens”, der 1896 mit dem Ziel: „Kampf gegen den Antisemitismus in der Studentenschaft und Erziehung unserer Mitglieder zu selbstbewussten Juden” gegründet wurde.

Die langsam voranschreitende rechtliche Emanzipation und der immer vorhandene, aber nach 1870 verstärkt hervortretende Antisemitismus führten dazu, dass Juden eigene Verbände gründeten, die eine ähnlich doppelte Zielsetzung verfolgten wie die Studentenverbindungen. Das gilt für Sportverbände, Jugendverbände, Frauenverbände.


Werbemarken. Frankfurt, um 1900

Werbemarken. Frankfurt, um 1900


An dem daraufhin einsetzenden Aufschwung des Waren- und Speditionshandels sowie des Anleihegeschäfts hatten die Juden großen Anteil: Ungebunden von Krämer- und Zunftvorschriften und erfahren in Handelsgeschäften, nutzten sie alle neuen Möglichkeiten von Handel und Verkehr. Sie erlangten einen bedeutenden Anteil am Frankfurter Wirtschaftsleben.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts bestimmten große jüdische Fachgeschäfte und Kaufhäuser das Bild der Zeil und des Roßmarkts. Unter den Bankleuten nahmen jüdische Bankiers und Makler einen beherrschenden Platz ein. Juden waren Inhaber bedeutender Industrieunternehmen.

55 Prozent der Juden lebten vom Handel, die Mehrheit vom kleineren bis mittleren Warenhandel und von Verkaufsgeschäften. Steigend war die Zahl der Angestellten in großen Handelsgesellschaften, Fachgeschäften und Banken. Die Industrie blieb – auf die Gesamtheit der jüdischen Beschäftigten gesehen – ein untergeordneter Arbeitsbereich: Nur 18 Prozent arbeiteten hier. Hoch hingegen war der Prozentsatz an jüdischen Juristen und Ärzten.

Im Mittelfeld ist die Darstellung des Gottesdienstes mit einem improvisierten Toraschrein zu sehen; die Teilnehmer sind in Uniform, teilweise mit Gebetsschal umhüllt. Das hebräische und deutsche Motto oben unter dem Davidstern lautet: „Haben wir nicht Alle einen Vater? Hat uns nicht Alle ein Gott geschaffen?”

In den vier Ecken steht ein Hymnus von Rabbiner Ludwig Philippson, der endet: „Erhoben durch den Glauben, ermuthigt zu der Pflicht, sind sie bereit zum Kampfe, sie steh'n und wanken nicht.”

Die Juden empfanden ihren Weg in Deutschland als Weg des sozialen Aufstiegs und zur Integration in die bürgerliche Gesellschaft. Während des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich stellten sie ihre patriotische Gesinnung unter Beweis.


Ganz besonders stolz waren die jüdischen Soldaten darauf, dass der König von Preußen während des Krieges auf ihre religiösen Gesetze und Gebräuche Rücksicht nahm. Er erlaubte ihnen, den Schabbat zu feiern, und gab ihnen für die Feiertage Urlaub. Viele erfuhren von dieser Regelung nicht rechtzeitig und feierten das Versöhnungsfest draußen im Feld. Auch während des Ersten Weltkriegs, nachdem zahlreiche Juden begeistert und freiwillig zu den Waffen geeilt waren, wurde Rücksicht auf ihre religiösen Belange genommen.

Andererseits hielten Rabbiner in der Heimat und im Feld patriotische Reden und beteten für den deutschen Sieg. Dieser Weg der Integration wurde jäh abgeriegelt, als das Kriegsministerium dem wachsenden Antisemitismus mit seiner Behauptung der „jüdischen Drückebergerei” entgegenkam und eine „statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden” anordnete.

Es war nicht nur der wirtschaftliche Bereich, in dem Juden bald an herausragender Stelle standen. In der Stadtverordnetenversammlung arbeiteten sie in allen politischen Parteien, und im Reichstag vertraten z.B. Leopold Sonnemann und Adolf Sabor unterschiedliche Parteien. Henriette Fürth gehörte zu den ersten Frauen im Stadtparlament. 1925 erhielt Frankfurt mit Ludwig Landmann einen Bürgermeister jüdischer Herkunft.

  • Leopold Sonnemann (1831–1909), Reichstagsabgeordneter und Stadtverordneter
  •  Henriette Fürth (1861–1938), Stadtverordnete
  •  Ludwig Landmann (1868–1945), Oberbürgermeister 1925–1933
  • Leopold Sonnemann (1831–1909), Reichstagsabgeordneter und Stadtverordneter
  • Henriette Fürth (1861–1938), Stadtverordnete
  • Ludwig Landmann (1868–1945), Oberbürgermeister 1925–1933
  • Leopold Sonnemann (1831–1909), Reichstagsabgeordneter und Stadtverordneter
  •  Henriette Fürth (1861–1938), Stadtverordnete
  •  Ludwig Landmann (1868–1945), Oberbürgermeister 1925–1933

In der kulturellen Vielfalt Frankfurts engagierten sich Juden als Schauspieler und Sänger, Maler und Journalisten. Sie waren immanenter Bestandteil sowohl der avantgardistischen als auch der konservativen Kultur und traten im allgemeinen nicht als Juden hervor.

Eine herausragende Rolle spielten jüdische Stiftungen und Mäzene in den Verhandlungen um die Gründung einer Universität in Frankfurt (1914). Die Rechtsform einer Stiftungsuniversität wurde vorgesehen, um Juden den Zugang zur Professur zur erleichtern und sie nicht preußischen Verwaltungsreglementierungen auszusetzen.

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Letzte Änderung: 14. Januar 2010





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