Jüdisches Museum Frankfurt am Main

Identitätsfragen

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Dauerausstellungen Jüdisches Museum
Juden in Frankfurt 1800 – 1950
Identitätsfragen

Solange Juden in der Judengasse wohnen mussten, lebten sie selbstverständlich nach ihren Gesetzen und Regeln. Die politischen und sozialen Veränderungen nach der Aufklärung hatten erheblichen Einfluss auf die jüdische Religionsausübung und die Haltung des Einzelnen zur jüdischen Gemeinschaft.

Viele Juden forderten seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine Modernisierung des Gottesdienstes und eine Liberalisierung der Religionspraxis. Liberale Prinzipien wie persönliche Freiheit, Individualität und Rationalität rangierten höher als die in der Ghettozeit verbindlich eingehaltene Tradition.

Die Teilnahme am allgemeinen Wirtschaftsleben und die beginnende Integration führte häufig auch zu Konflikten zwischen der Einhaltung des Religionsgesetzes – z.B. der Schabbatruhe – und dem von der christlichen Religion beeinflussten Berufs- und Alltagsleben.

Wie sehr die jüdische Identität von der jüdischen Tradition abgekoppelt wurde, zeigen zahlreiche Gegenstände aus Haushalten des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein besonders auffälliges Beispiel ist der abgebildete Sederteller, den ein findiger Geschäftsmann den zahlreichen Kurgästen in Karlsbad anbot.

Er fügte die hebräischen Bezeichnungen für die symbolischen Pessachspeisen in einen sonst üblichen Austernteller ein. Ihm war wohl unbekannt, dass Austern nach den religiösen Speisegesetzen nicht gegessen werden dürfen. Es ist zu vermuten, daß der Teller eher als Erinnerungsstück die Vitrine schmückte als zur Feier des Pessachfestes benutzt wurde.


Szenisches Aufstellbild Jüdisches Laubhüttenfest 1. Hälfte 19. Jahrhundert. Nach einer Vorlage des Augsburger Kupferstechers Martin Engelbrecht (1684–1756)

Szenisches Aufstellbild "Jüdisches Laubhüttenfest" 1. Hälfte 19. Jahrhundert. Nach einer Vorlage des Augsburger Kupferstechers Martin Engelbrecht (1684–1756)


Diese Aufstellbilder gehören seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den zahlreichen Geburtstags-, Barmitzwa- und Hochzeitsgeschenken, in denen jüdische Feste und Riten eingearbeitet wurden in nichtjüdische Darstellungen, die in Mode waren.

Unterschiedliche Interessen an der Religionsausübung führten in den großen jüdischen Gemeinden zu schweren Auseinandersetzungen und zur Entwicklung unterschiedlicher Religionsrichtungen. In wenigen Städten traten Orthodoxe aus der Gemeinde aus und gründeten eine eigene Gemeinde.

Das war in Frankfurt der Fall: Orthodoxe Juden verließen mit dem Rabbiner Samson Raphael Hirsch 1876 ihre Gemeinde und schlossen sich zur Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) zusammen.

Diese erlangte große Bedeutung; sie unterhielt eine eigene Synagoge (zunächst in der Schützenstraße, dann in der Friedberger Anlage), zwei Schulen und zahlreiche soziale und kulturelle Einrichtungen.

Innerhalb der jüdischen Gemeinde selbst bestanden zwei Richtungen, die liberale, die ihre Synagoge in der Börnestraße (früher Judengasse) hatte und die Schule Philanthropin prägte, und die konservative mit der Synagoge am Börneplatz.

Beide Richtungen unterhielten ebenfalls zahlreiche kulturelle und soziale Einrichtungen. Die 1882 eingeweihte Synagoge am Börneplatz war die Synagoge der konservativen Gemeindeangehörigen. Sie wurde – wie auch die anderen Synagogen – am 10. November 1938 in Brand gesteckt und musste 1939 auf Befehl der Stadtregierung abgetragen werden.

Die wertvollen Kultgeräte, meist Stiftungen der Gemeindemitglieder, wurden geraubt. Die wenigen, die nach 1945 wieder auftauchten, wurden der heutigen Jüdischen Gemeinde zurückgegeben.


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Letzte Änderung: 14. Januar 2010





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