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Solange Juden in der Judengasse wohnen mussten, lebten sie selbstverständlich nach ihren Gesetzen und Regeln. Die politischen und sozialen Veränderungen nach der Aufklärung hatten erheblichen Einfluss auf die jüdische Religionsausübung und die Haltung des Einzelnen zur jüdischen Gemeinschaft.
Viele Juden forderten seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine Modernisierung des Gottesdienstes und eine Liberalisierung der Religionspraxis. Liberale Prinzipien wie persönliche Freiheit, Individualität und Rationalität rangierten höher als die in der Ghettozeit verbindlich eingehaltene Tradition.
Die Teilnahme am allgemeinen Wirtschaftsleben und die beginnende Integration führte häufig auch zu Konflikten zwischen der Einhaltung des Religionsgesetzes – z.B. der Schabbatruhe – und dem von der christlichen Religion beeinflussten Berufs- und Alltagsleben.
Sederteller für Pessach, Typus eines Austerntellers mit sechs Mulden. Die Inschrift bezeichnet die für die Feier notwendigen symbolischen Speisen; in der mittleren Mulde ist ein Lamm abgebildet. Karlsbad, Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert; Porzellan, vergoldet
Wie sehr die jüdische Identität von der jüdischen Tradition abgekoppelt wurde, zeigen zahlreiche Gegenstände aus Haushalten des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein besonders auffälliges Beispiel ist der abgebildete Sederteller, den ein findiger Geschäftsmann den zahlreichen Kurgästen in Karlsbad anbot.
Er fügte die hebräischen Bezeichnungen für die symbolischen Pessachspeisen in einen sonst üblichen Austernteller ein. Ihm war wohl unbekannt, dass Austern nach den religiösen Speisegesetzen nicht gegessen werden dürfen. Es ist zu vermuten, daß der Teller eher als Erinnerungsstück die Vitrine schmückte als zur Feier des Pessachfestes benutzt wurde.
Diese aus sieben Einzelblättern bestehende Darstellung zeigt verschiedene Szenen großbürgerlichen Lebens. Inmitten dieses Ambientes ist auf der dritten Tafel eine Familie beim festlichen Mahl dargestellt.
Das Außenblatt zeigt mehrere Laubhütten, die aber völlig anders aussehen als die von deutschen Juden während des Festes genutzen Holzverschläge.
Das Laubhüttenfest erinnert an die Wanderungen der Israeliten nach ihrem Auszug aus Ägypten. Die Feiernden errichten „Hütten”, provisorische Bauten auf dem Balkon oder im Garten, die nach oben offen sind. Dort nehmen sie während der Festwoche ihre Mahlzeiten ein.
Szenisches Aufstellbild "Jüdisches Laubhüttenfest" 1. Hälfte 19. Jahrhundert. Nach einer Vorlage des Augsburger Kupferstechers Martin Engelbrecht (1684–1756)
Diese Aufstellbilder gehören seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den zahlreichen Geburtstags-, Barmitzwa- und Hochzeitsgeschenken, in denen jüdische Feste und Riten eingearbeitet wurden in nichtjüdische Darstellungen, die in Mode waren.
Toraschild der Synagoge am Börneplatz. Gestiftet von Abraham und Recha Arnsberg anlässlich der Barmitzwa ihres Sohnes Paul, wie auf der hebräischen Stiftungsinschrift festgehalten. Frankfurt am Main 1913, Silber
Unterschiedliche Interessen an der Religionsausübung führten in den großen jüdischen Gemeinden zu schweren Auseinandersetzungen und zur Entwicklung unterschiedlicher Religionsrichtungen. In wenigen Städten traten Orthodoxe aus der Gemeinde aus und gründeten eine eigene Gemeinde.
Das war in Frankfurt der Fall: Orthodoxe Juden verließen mit dem Rabbiner Samson Raphael Hirsch 1876 ihre Gemeinde und schlossen sich zur Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) zusammen.
Diese erlangte große Bedeutung; sie unterhielt eine eigene Synagoge (zunächst in der Schützenstraße, dann in der Friedberger Anlage), zwei Schulen und zahlreiche soziale und kulturelle Einrichtungen.
Innerhalb der jüdischen Gemeinde selbst bestanden zwei Richtungen, die liberale, die ihre Synagoge in der Börnestraße (früher Judengasse) hatte und die Schule Philanthropin prägte, und die konservative mit der Synagoge am Börneplatz.
Beide Richtungen unterhielten ebenfalls zahlreiche kulturelle und soziale Einrichtungen. Die 1882 eingeweihte Synagoge am Börneplatz war die Synagoge der konservativen Gemeindeangehörigen. Sie wurde – wie auch die anderen Synagogen – am 10. November 1938 in Brand gesteckt und musste 1939 auf Befehl der Stadtregierung abgetragen werden.
Die wertvollen Kultgeräte, meist Stiftungen der Gemeindemitglieder, wurden geraubt. Die wenigen, die nach 1945 wieder auftauchten, wurden der heutigen Jüdischen Gemeinde zurückgegeben.
Die Margarine „Tomor” wurde aus Mandelmilch hergestellt und galt deshalb für nicht ganz strenge Haushalte als koscher.
Die Juden, die der orthodoxen und der konservativen Richtung angehörten, beachteten weiterhin die religiösen Gebote und Vorschriften.
Die Führung eines koscheren, nach rituellen Richtlinien geführten Haushalts war ein grundlegendes Gebot. In den jüdischen Zeitungen finden sich zahlreiche Anzeigen von koscheren Geschäften und Versandunternehmen. Mit der Überwachung waren Frankfurter Rabbiner betraut.
Werbeblatt für die Margarine „Tomor”, Papier
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