Ostzeile der Judengasse um 1880
Das Foto ist während des Abrisses der Judengasse zwischen 1874 und 1887 aufgenommen worden. Die westliche Häuserzeile ist bereits niedergelegt worden, so dass der Blick auf die übrig gebliebene östliche Zeile frei ist.
Zu erkennen sind die fünf Häuser, deren Kellermauern im Museum erhalten sind. Von links nach rechts sind dies das Haus „Warmes Bad” oder „Klause” mit dem in die Fassade eingelassenen öffentlichen Brunnen, das „Steinerne Haus” sowie die Häuser „Sperber”, „Roter Widder”, „Weißer Widder”.
Das „Warme Bad”, das seinen Namen dem benachbarten „Kalten Bad”, d.h. der Mikwe, verdankte, war mit knapp 4 Metern Breite eines der größeren Wohnhäuser der Judengasse. Seit ca. 1684 war es das Wohnhaus des sog. „Klausrabbiners”, der hier eine Jeschiwa, eine Talmud-Schule, leitete.
Das „Steinerne Haus” war das einzige aus Stein gebaute Wohnhaus der Judengasse und war nach 1717 von dem aus Wien stammenden kaiserlichen Hoffaktor Isaak Nathan Oppenheimer errichtet worden.
Bei den drei benachbarten Häusern, die einen gemeinsamen Dachstuhl besaßen, handelt es sich um typische Wohnhäuser der Judengasse des 17. und 18. Jahrhunderts.
Auf dem Gelände des „Steinernen Hauses” befand sich vor dem Brand der Judengasse 1711 ein von Gemeindeangestellten wie dem Vorsänger oder dem Schulklopfer bewohntes Haus.
In seinem Keller wurde eine Mikwe eingerichtet, dessen älteste Bauphase in die Zeit der Errichtung des Ghettos 1460–1462 zurückreicht. Erhalten sind noch sechs Stufen, die in das Tauchbecken hinunterführen. In das Becken selbst ist 1717 einer der tragenden Pfeiler des Steinernen Hauses gesetzt worden, als die ältere Mikwe aufgegeben und zugeschüttet wurde.
Das Becken wurde durch Grundwasser gespeist. Die in der Judengasse übliche Bezeichnung „Kaltes Bad” für die Mikwe weist auf die geringe Temperatur des Wassers hin.
Reste der älteren Mikwe (1462–1711)
Rituelle Reinigung in der Mikwe, Kupferstich aus Johann Christoph Georg Bodenschatz, „Aufrichtig Teutsch Redender Hebräer”, Frankfurt am Main, Leipzig 1756
Entsprechend den biblischen Vorschriften müssen sich Frauen nach einer Geburt oder nach der Menstruation rituell reinigen.
Dafür ist ein Wasserbecken notwendig, dessen Volumen groß genug sein muss, um komplett darin untertauchen zu können. Es muss mit „lebendigem”, d.h. Grund- oder Regenwasser gefüllt sein.
Der Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, der ein von einem protestantischem Theologen verfasstes Werk über das Judentum illustriert, erläutert die verschiedenen Phasen des rituellen Bades in der Mikwe:
Eine Frau betritt begleitet von einer Dienerin die Mikwe, löst ihre Haare, entkleidet sich vollständig und taucht dann dreimal im Wasser unter. Die begleitende Frau kontrolliert, dass alle Teile des Körpers von Wasser bedeckt sind.
Die enge Bebauung und die große Bevölkerungsdichte der Judengasse führten im 18. Jahrhunderts mehrfach zu Großbränden. 1711 wurden sogar alle Häuser der Gasse zerstört.
Das Gelände, auf dem sich zuvor das „Kalte Bad” befunden hatte, wurde von der Gemeinde an den kaiserlichen Hoffaktor Isaak Nathan Oppenheimer aus Wien verkauft, der hier für seine Aufenthalte in Frankfurt z.B. während der Messe ein repräsentatives Stadtpalais in barockem Stil errichten lassen wollte.
Die eingereichten Baupläne wurden jedoch vom Rat der Stadt abgelehnt, da „das ansehnliche Frontispiz (Giebelfläche) und andere gar sehr in die Augen fallende Zier allzu magnifice befunden” wurden. Erst nach mehreren Interventionen des Kaisers und einigen Abstrichen an den Bauplänen konnte das Haus gebaut werden.
In den folgenden Jahrzehnten war es meist von Angehörigen der Familie Kann bewohnt, die innerhalb der Gemeinde eine führende Stellung einnahmen und mit den bedeutenden Hoffaktorenfamilien der Zeit in verwandtschaftlicher Beziehung standen.
Fassade des Steinernen Hauses, aus den zur Baugenehmigung eingereichten Unterlagen, 1717
Jüngere Mikwe im Steinernen Haus (1717–1887)
Im Keller des „Steinernen Hauses” wurde nach 1717 eine Mikwe angelegt, die wahrscheinlich nur von den Bewohnern des Hauses genutzt wurde.
Die ältere, 1711 zerstörte Mikwe war dagegen von der Gemeinde für alle Mitglieder eingerichtet worden und bis 1602, als eine neue Mikwe an der Synagoge angelegt wurde, die einzige derartige Einrichtung in der Judengasse.
Aus einem Vorraum im Keller des Hauses führte eine Wendeltreppe in das etwa sechs Meter unter dem Straßenniveau befindliche Tauchbecken, das mit Grundwasser gefüllt war. In dem Vorraum, der vermutlich mit einer Heizeinrichtung versehen war, konnte man sich entkleiden, bevor man in die Mikwe hinunterging.
Der Vorgängerbau des „Steinernen Hauses” wurde auch als „Hochzeitshaus” bezeichnet und für Feste und Feiern genutzt.
Der Kupferstich aus den „Jüdischen Merckwürdigkeiten” von Johann Jacob Schudt, dem Rektor des Frankfurter Gymnasiums, zeigt eine verschleierte Braut, die unter dem Hochzeitsbaldachin durch die Judengasse zum Hof der Synagoge geführt wird, wo die Trauung stattfindet. Jüdische Musikanten gehen dem Zug voran.
Frauen und Männer sind in der für die Frankfurter Juden um 1700 charakteristischen Tracht gekleidet. Über den Haustüren sind die Schilder mit den figürlichen Darstellungen der Hausnamen zu erkennen.
Hochzeit in der Judengasse, Kupferstich aus Johann Jacob Schudt, „Jüdische Merckwürdigkeiten”, Frankfurt am Main 1717
Grundmauern der Häuser „Sperber”, „Roter Widder”, „Weißer Widder” und östliche Ghettomauer
Die Grundmauern der drei Häuser „Sperber”, „Roter Widder” und „Weißer Widder” reichten von der Gasse fast bis an die östliche Ghettomauer heran, die auf dem Foto durch den roten Mörtel zu erkennen ist.
Sie waren nur knapp drei Meter breit, aber ca. 20 Meter lang und nutzten so den geringen zur Verfügung stehenden Raum möglichst vollständig aus. Zudem wurden die kleinen Höfe auf der Rückseite der Häuser noch mit Schuppen und Toilettenhäuschen zugebaut.
Die zahlreichen Nischen in den Wänden sind Relikte von Wandschränken, die mit Metall- oder Holztüren verschlossen waren und zur Lagerung kostbarerer Waren dienten. Sie sind ein Beleg dafür, dass die Häuser nicht nur Wohnräume enthielten, sondern in der Regel auch Verkaufs- und Lagerräume.
Die Mehrzahl der Juden arbeiteten seit dem 17. Jahrhundert als Händler. Das zuvor dominierende Kreditgeschäft und die Pfandleihe traten dagegen in den Hintergrund.
Die Baugeschichte der drei Häuser ist ein typisches Beispiel für die Verdichtung in der Judengasse. Anfang des 16. Jahrhunderts wurden auf dem knapp 200 Quadratmeter großen Grundstück neben der Mikwe zuerst die Häuser „Rad” und „Widder” gebaut.
1580 kam der „Sperber” hinzu. 1590 wurde der „Widder” geteilt und den beiden neuen Häuser die Namen „Roter” und „Weißer Widder” gegeben. Das Haus „Rad” wurde Ende des 17. Jahrhunderts aufgegeben, die drei übrigen Häuser nach dem Brand von 1711 wiederaufgebaut.
Aufzeichnungen der städtischen Beamten verraten, dass in den drei Häusern um 1700 Angehörige der Mittel- und Unterschicht wohnten. Sie handelten mit Leintüchern oder verkauften Brot und Branntwein.
Schlafraum im Geburtshaus Ludwig Börnes
Ein Schulmeister im „Roten Widder” unterrichtete hebräisch Lesen und Schreiben. Da Lehrer in der Regel schlecht bezahlt wurden, gehörte er sicherlich zur Unterschicht der Gasse.
Andere Bewohner dieser Häuser arbeiteten als Tagelöhner oder wurden einfach als arm bezeichnet. Insgesamt wurden 1703 zehn Familien in den drei Häusern registriert, besonders dicht war der „Sperber” mit 14 Personen auf ca. 80 Quadratmetern bevölkert.
Blick in den Eingangsbereich eines Hauses der Judengasse. Foto nach einem Gemälde von Otto Lindheimer, 1884 (Original verloren)
Das Gemälde von Otto Lindheimer ist kurz vor dem endgültigen Abriss der Judengasse entstanden. Es gehört zu den wenigen Darstellungen eines Innenraums in der Judengasse.
Wie in den meisten Häusern ist aufgrund des knappen Raumes die Küche mit dem Herd im Treppenhaus untergebracht. Die Häuser waren in der Regel sehr dunkel, da nur die Fenster zur schmalen Judengasse oder zu den kleinen Hinterhöfen Licht hineinließen. Im Boden ist eine Falltür eingelassen, die den Zugang zum Keller bildete.
Auf der Rückseite der Häuser verlief vor der Ghettomauer von Nord nach Süd ein Abwasserkanal, der in den Main mündete. Er war ca. 1,80 Meter hoch und 1,50 Meter breit. Ein entsprechender Kanal existierte auch hinter der westlichen Häuserzeile.
Über dem Kanal waren kleine Toilettenhäuschen angebracht. Dies stellte im Vergleich zu anderen Teilen der Frankfurter Altstadt eine modernere Form der Entsorgung dar, da dort die Häuser nur mit Abortgruben versehen waren, die in regelmäßigen Abständen geleert werden mussten. Die Kanäle der Judengasse wurden einmal im Jahr vom Scharfrichter der Stadt und seinen Gehilfen gegen eine Gebühr gefegt.
Die Kanäle waren ursprünglich nicht überwölbt und stellten daher bei geringer Wasserführung im Sommer eine erhebliche Geruchsbelästigung in der Judengasse dar. Der Rat der Stadt verweigerte jedoch lange Zeit der jüdischen Gemeinde die Genehmigung, die Kanäle überwölben zu lassen.
Abwasserkanal vor der östlichen Ghettomauer
Die Zeichnung von 1712 zeigt die Fassade des „Warmen Bades” oder der „Klause” sowie eine Seitenansicht des Hauses.
Solche Aufrisse mussten nach dem Brand von 1711 bei den städtischen Beamten eingereicht werden, um eine Baugenehmigung zu erhalten. Der Bau selbst wurde dann von christlichen Bauhandwerkern ausgeführt.
Bauzeichnung des „Warmen Bades” mit Brunnen, 1712
In dem in Stein errichteten Erdgeschoss war in die Fassade ein von der Straße aus zugänglicher Brunnen eingelassen. Er gehörte zu den fünf öffentlichen Brunnen der Judengasse, die die Versorgung mit Trinkwasser sicherstellten. Nur wenige Häuser, so das „Steinerne Haus”, besaßen im Keller private Brunnen.
Gegen ein geringes Entgelt brachten Wasserträger das Wasser von den Brunnen zu den Häusern. Sie gehörten zu den ärmsten Bewohnern der Judengasse, besaßen kein ständiges Aufenthaltsrecht und versuchten mit Gelegenheitsarbeiten ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Man schätzt, dass ca. 80% der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich Ende des 18. Jahrhunderts zu dieser armen Schicht gehörten. Häufig nur kurzzeitig geduldet, vagabundierten diese Menschen von Ort zu Ort.
Über den Häusern der Judengasse waren Schilder mit figürlichen Darstellungen der Hausnamen angebracht, die in die Gasse hineinreichten. Nach 1711 wurden sie durch Steine ersetzt, die über den Türen eingemauert waren.
Beim Abriss der Judengasse wurden einige dieser Haussteine in das Historische Museum verbracht. Der Ochsenkopf schmückte das Schlachthaus, das am Südende der Judengasse lag.
Zu den wenigen handwerklichen Tätigkeiten, die den Juden erlaubt waren, gehörte das Schlachten und die Verarbeitung von Fleisch.
Da dies streng nach in der Bibel und im Talmud festgelegten Regeln vor sich gehen musste, die eine spezielle Ausbildung und die Überwachung durch den Rabbiner erforderten, gestattete der Rat der jüdischen Gemeinde im 16. Jahrhundert, ein Schlachthaus zu erbauen und dort die für ihren eigenen Bedarf benötigten Tiere zu schlachten.
Stein mit Hauszeichen des Schlachthauses, nach 1711
Gitter mit dem Hauszeichen „Rote Traube” und Hausstein mit den Hauszeichen „Mohr” und „Flasche”, nach 1711
Die Hausnamen wurden auch auf den Gittern dargestellt, die über oder neben den Haustüren zur besseren Belüftung der Häuser angebracht waren. Aus vielen dieser Hausnamen entwickelten sich Familiennamen.
Das berühmteste Beispiel sind die Rothschilds, die im 16. Jahrhundert das Haus „Zum Roten Schild” erbauten und diesen Namen auch behielten, als sie in andere Häuser umzogen. Die Hauszeichen wurden von den Frauen als Schmuck getragen und erscheinen auf Chanukkaleuchtern oder Kidduschbechern.
Dies zeigt die große Bedeutung, die der Besitz eines Hauses oder Hausanteils in der Judengasse für die Familien hatte. Er stellte eine der wichtigsten Voraussetzungen dar, ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Frankfurt als Jude zu gewinnen.
Die Hauszeichen erscheinen auch auf vielen Grabsteinen des benachbarten alten jüdischen Friedhofs. Es zeigt noch einmal die große Bedeutung der Hausnamen für die Identität ihrer Bewohner.
Der Friedhof wurde vor 1272 angelegt und war bis 1828 in Benutzung. Insgesamt wurden um 1900 über 6000 Grabsteine gezählt, von denen die Nationalsozialisten jedoch ca. zwei Drittel zerstörten. Der Frankfurter Friedhof gehört damit zu den ältesten und bedeutendsten jüdischen Friedhöfen in Europa.
Grabsteine mit Hauszeichen
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