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200 Meter Schriftgut und mehr als 21 000 Fotos – Geschichte und Kultur der Juden im deutschsprachigen Raum im wahren Sinne des Wortes ganz anschaulich dokumentiert. Der Museumsbereich Dokumentation sammelt und ordnet schriftliche wie bildliche Dokumente und macht diese der interessierten Öffentlichkeit zugänglich.
Mohelbuch (Register der Beschneidungen) aus Linnich / Rheinland 1825–1865 (Sammlung Bernhard Brilling)
Den Kern der Sammlung bilden die Zeugnisse zur Geschichte der Juden in Frankfurt vom Spätmittelalter bis heute.
Darunter finden sich zahlreiche Nachlässe zur Frankfurter jüdischen Familiengeschichte sowie Augenzeugenberichte zur NS-Zeit. Besonders zu nennen sind hier die Sammlung von Fritz Schlomo Ettlinger (1889–1964) zur Personengeschichte der Frankfurter Juden von 1241 bis 1830, der Nachlass von Eugen Mayer (1882–1967), dem letzten Syndikus der Vorkriegsgemeinde, und die Sammlung von Dora Edinger (1890–1977) betreffend Bertha Pappenheim (1859–1936).
Aus dem Nachlass von Paul Arnsberg (1899–1978) stammt eine reichhaltige Sammlung von Fotografien zur jüdischen Geschichte Hessens: Der Landesverband Jüdischer Gemeinden in Hessen stellte dem Museum als Dauerleihgabe diese Sammlung mit dem Material zu Arnsbergs Publikation „Die jüdischen Gemeinden in Hessen” zur Verfügung. Die gesammelten schriftlichen und bildlichen Unterlagen gehen weit über das veröffentlichte Werk hinaus.
Den lokalen und regionalen Rahmen verlassen wir mit dem enormen Nachlass von Rabbiner Bernhard Brilling (1906–1987). Dieser Nachlass umfasst das gesamte Lebenswerk des bedeutenden deutsch-jüdischen Historikers. Die Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit lagen auf der jüdischen Regionalgeschichte Schlesiens, Posens und Westfalens sowie auf der deutsch-jüdischen Personengeschichte und der Geschichte des deutsch-jüdischen Buch- und Archivwesens. Die Dokumente spiegeln diese Forschungsschwerpunkte und gehen teilweise auch darüber hinaus.
Der Nachlass enthält ferner als Leihgabe der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Mikrofilmkopien von Personenstandsregistern jüdischer Gemeinden des früheren Mittel- und Ostdeutschland – der heutigen neuen Bundesländer und des westlichen Polen.
Von besonderer Bedeutung ist auch der Nachlass von Hans Julius Wolff (1902–1983), Professor für antike Rechtsgeschichte, zur Geschichte der Familien Wolff und Pinner. Die bekanntesten Mitglieder dieser Familien sind der Mediziner Julius Wolff (1836–1902) und der Chemiker Adolf Pinner (1842–1909).
Dem Museumsbereich Dokumentation zugeordnet ist auch das Bildarchiv. Es besteht aus einer Sammlung von Bilddokumenten zur Geschichte und Kultur der Juden in Frankfurt am Main und Hessen; man findet Bilder von Gebäuden, Personen, Firmen sowie Dokumente zu Institutionen, Ereignissen, Religion und Brauchtum. Auch Abbildungen von Synagogen, anderen Gemeindebauten sowie von Kultgeräten jüdischer Gemeinden des gesamten deutschsprachigen Raums werden archiviert.
Die Sammeltätigkeit des Museums in Verbindung mit seinen Ausstellungen hat das Bildarchiv seit Bestehen des Museums erheblich anwachsen lassen. Zu erwähnen sind hier vor allem die Ausstellungen „Samson Schames” (1989), „Die vergessenen Nachbarn” (1990/91), „Mikwe” (1992), „Zedaka” (1992/93), „Die Rothschilds” (1994/95), „Wer ein Haus baut, will bleiben ...” (1998/99), „Ostend” (2000) und „Und keiner hat für uns Kaddisch gesagt ...” (2005) sowie die Dauerausstellung im Museum Judengasse (seit 1992). Von besonderer historischer Bedeutung ist die Sammlung von fast 500 Originalfarbdias aus dem Ghetto in Lodz, die wir bei der Vorbereitung der Ausstellung „Unser einziger Weg ist Arbeit” (1990) erwerben konnten.
Bernhard Brilling
Bernhard Brilling wuchs als Sohn eines Kantors in Prenzlau (Uckermark) auf und bestand dort 1924 sein Abitur am humanistischen Gymnasium. Der am Gymnasium fakultativ angebotene Hebräisch-Unterricht, den er als einziger Schüler seines Lehrers mit großem Erfolg absolvierte, ist für seine berufliche Laufbahn und für seinen späteren Lebensweg von großem Nutzen gewesen.
Fest verbunden mit dem Judentum und der jüdischen Geschichte zielte sein Berufswunsch auf die Stellung eines Archivars an einem jüdischen Archiv. Da es dafür jedoch keine Ausbildung gab, besuchte er das Rabbinerseminar in Berlin und Breslau und studierte gleichzeitig an der Universität klassische Sprachen, Geschichte und Nationalökonomie. Für seine Leistung auf dem Gebiet der Geschichte bekam der 21-jährige 1927 den Heinrich-Graetz-Preis. Im Jahre 1932 legte er das Rabbinerexamen ab. Das Philologie-Studium mit der Promotion abzuschließen, wurde ihm während der Hitlerdiktatur verwehrt.
Bernhard Brilling, Tremessen (Provinz Posen) 1906 – Münster 1987
So war er als Archivar am jüdischen Gemeindearchiv in Breslau, in dem die Bestände der Provinz Schlesien untergebracht waren, tätig, wie schon als Volontär in den Jahren vorher. Für seine wissenschaftliche Tätigkeit sind die Breslauer Jahre von entscheidender Bedeutung, denn Themen zur jüdischen Geschichte Schlesiens durchziehen sein gesamtes Werk.
Nach dem Novemberpogrom wurde Bernhard Brilling im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert und mit dem Druck zur Auswanderung freigelassen. Im März 1939 emigrierte er mit einem Studentenzertifikat nach Palästina, seine Frau konnte einen Monat später folgen. Da ihm die Mitnahme seiner archivalischen Ausarbeitungen gestattet war, publizierte Bernhard Brilling auch in Palästina Artikel zur deutsch-jüdischen Geschichte, zum großen Teil in hebräisch und englisch, später auch für deutschsprachige Zeitungen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand er eine feste Anstellung in Tel Aviv, zuletzt wieder als Archivar.
Eine vom Staat Israel unterstützte Forschungsreise zur Sichtung jüdischer Aktenbestände in deutschen Archiven führte ihn erstmals 1955/56 wieder nach Deutschland. 1957 erfolgte die Rückwanderung nach Münster; als 51jähriger holte er seine Promotion mit dem Dissertationsthema „Die Juden und die Stadt Breslau im 16. und 17. Jahrhundert” nach und wurde an das „Institutum Judaicum Delitzschianum” in Münster berufen, an dem ihm die Abteilung zur Geschichte der Juden in Deutschland übertragen wurde. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten zum deutschen Judentum, die in seiner Münsteraner Zeit in besonderem Maße den Raum Westfalen einbezogen, und für seine Beiträge zur „Encyclopaedia Judaica” (1971) wurde er mit dem Professorentitel und dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet. (Gisela Möllenhoff)
Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Mittel- und Ostdeutschland
Das nationalsozialistische Reichssippenamt in Berlin ließ ab 1939 die Personenstandsregister der jüdischen Gemeinden in Deutschland zusammentragen und eine Sicherungsverfilmung anfertigen. Die Originale sind verlorengegangen. Die Masterfilme der Firma Gatermann in Duisburg-Hamborn sind aber erhalten und wurden nach 1945 an die zuständigen Staatsarchive verkauft.
Das Bundesarchiv erwarb die Filme zu den jüdischen Gemeinden Mittel- und Ostdeutschlands, also der heutigen Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und der ehemaligen preußischen Provinzen Neumark, Ostpreußen, Pommern, Posen, Schlesien und Westpreußen. Rabbiner Bernhard Brilling ließ im Rahmen seiner Tätigkeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Rückvergrößerungen von diesen Mikrofilmen anfertigen. Mit dem gesamten Nachlass Brillings gelangten diese Rückvergrößerungen in das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt am Main. Die Mikrofilme befinden sich seit 2010 im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, Abteilung „Deutsche Zentralstelle für Genealogie”.
Übersicht über die Personenstandsregister / Survey of the collection of birth, death and marriage registers
Mitteldeutschland.pdf (PDF, 41 KB)
Ostdeutschland.pdf (PDF, 53 KB)
Nachlass Hans Julius Wolff
Es handelt sich bei diesem Nachlass um ein umfangreiches Konvolut von Briefen, Tagebüchern, Familiendokumenten, Orden und Ehrenzeichen einer großen jüdischen Akademikerfamilie, deren gemeinsamer Vorfahre Rabbiner Lewin Aron Pinner (1799–1873) war.
Prof. Dr. Hans Julius Wolff (1902–1983), eine weltweit anerkannte Autorität für Römisches und Griechisches Recht, sah sich, nachdem er seiner Ämter beraubt worden war, 1935 zur Emigration gezwungen. Er ging von Berlin aus zunächst nach Panama, und von dort 1939 nach USA. Er nahm einige große Überseekoffer mit dem oben genannten Nachlass seiner Vorfahren mit in die Emigration. Als er 1952 einen Lehrstuhl für antike Rechtsgeschichte zunächst in Mainz und später in Freiburg erhielt, brachte er den großen Nachlass wieder nach Deutschland zurück. Seiner Tochter, Dr. Katherine Wolff, ist es zu verdanken, dass dieser überaus wertvolle Nachlass in das Jüdische Museum Frankfurt kam.
Fast 1000 Briefe (beginnend 1844, endend 1921) zwischen den einzelnen Familienmitgliedern sind zum größten Teil in gutem Zustand erhalten. In ihnen liest sich die Geschichte nicht nur der Pinner-Familie, sondern auch der durch Heirat mit ihr verbundenen Linien. Es entwickelt sich ein spannendes Tableau jüdischen Lebens, das auch ein Licht wirft auf die extrem schwierigen Lebensbedingungen des entstehenden jüdischen Bürgertums im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Darüber hinaus geben uns die Dokumente der akademisch arrivierten Männer auch Zeugnis vom Antisemitismus jeglicher Ausprägung in jenen Zeiten.
Es lassen sich mindestens zwei Zentren akademischen und ärztlichen Lebens studieren:
1. Der Vater von Hans Julius Wolff war Bruno Wolff (1870–1918), Arzt und Professor für Pathologie in Berlin. Er begleitete den Ersten Weltkrieg als Arzt und hinterließ zahlreiche Tagebücher über diese Zeit.
2. Der Großvater von Hans Julius Wolff und Vater von Bruno Wolff war der berühmte Arzt Julius Wolff (1836–1902), Professor in Berlin, Begründer der deutschen Orthopädie und Entdecker der Osteoporose als Krankheit. Er führte als einer der ersten Ärzte Operationen an der Gaumenspalte bei Kindern und am Klumpfuß in der Berliner Charité aus.
Erwähnenswert sind auch 137 Briefe von dem 1851 nach Amerika ausgewanderten Kaufmann Moritz Pinner (1828–1911) an seinen Bruder Adolf Pinner (1842–1909), Prof. für Chemie am Veterinär-Institut in Berlin, ältester und jüngster Sohn von Rabbi Lewin Aron Pinner. Sie werfen ein Licht nicht nur auf gelebtes jüdisches Leben, sondern auch auf politische und wirtschaftliche Ansichten der damaligen Zeit.
Die Farbdias der deutschen Gettoverwaltung in Lodz
Der Leiter der Finanzabteilung der deutschen Gettoverwaltung in Lodz, Walter Genewein, fertigte in amtlichem Auftrag in den Jahren 1940–1944 hunderte von Farbdias im Getto an.
484 Dias konnte das Jüdische Museum 1987 erwerben. Sie wurden zur Grundlage der Ausstellung „Unser einziger Weg ist Arbeit”. Das Getto in Lodz 1940–1944 (1990) und des Dokumentarfilms „Der Fotograf” von Dariusz Jablonski (1998). 126 dieser Farbdias wurden im Katalog der Ausstellung („Unser einziger Weg ist Arbeit”. Das Getto in Lodz 1940–1944. Wien: Löcker, 1990) publiziert.
Übersicht über den Gesamtbestand der Farbdias / Survey of the collection of color slides
Dias / Slides.pdf (PDF, 2,5 MB)
Beschreibung der Dias / Description of the slides.pdf (PDF, 100 KB)
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