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Wie alles begann
An den kulturellen Aktivitäten der Frankfurter Bürgerschaft hatten die jüdischen Frankfurter schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts regen Anteil. Viele sahen in der gemeinsamen deutschen Kultur die beste Grundlage für die ersehnte gesellschaftliche Anerkennung. Jüdisch-religiöse Inhalte traten vorübergehend in den Hintergrund.
Ausstellungsräume des Museums Jüdischer Altertümer um 1930
Als zum Ende des 19. Jahrhunderts eine verstärkte wissenschaftliche Beschäftigung mit jüdischer Geschichte, Religion und Kultur einsetzte, übernahm Frankfurt hier bald eine führende Position. Die Stadt beheimatete die „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler”, deren Publikationen auf vielen Gebieten der jüdischen Kunst als bahnbrechend zu bezeichnen waren.
Im Jahre 1922 wurde das „Museum Jüdischer Altertümer” in Frankfurt eröffnet – somit konnten die Forschungsergebnisse der Gesellschaft erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Durch Ankäufe und Stiftungen nannte das Museum bereits nach relativ kurzer Zeit eine quantitativ und qualitativ bemerkenswerte Sammlung sein eigen. Die damit angeregte Beschäftigung der jüdischen Gemeinschaft mit ihrer eigenen Geschichte und Kultur sowie die Bemühungen um deren Vermittlung an interessierte nichtjüdische Mitbürger fanden ein jähes Ende: Während der Pogromnacht im November 1938 wurde das Museum gestürmt, teilweise verwüstet und geplündert.
Nach dem Krieg schien es unmöglich, an die früheren Aktivitäten anzuknüpfen: Es schien undenkbar, dass nach der Ermordung von sechs Millionen Juden wieder funktionierende jüdische Gemeinden und Institutionen in Deutschland entstehen würden. Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass die wenigen Überreste der Sammlung des Museums Jüdischer Altertümer zum größten Teil an jüdische Museen und Kulturinstitutionen in Israel und den USA gingen. Nur wenige materielle Überreste des reichen kulturellen Lebens der Vorkriegsgemeinde blieben in Frankfurt: Von den ehemals etwa 18 000 Objekten des Museums Jüdischer Altertümer befinden sich heute gerade noch 80 im Besitz des Jüdischen Museums.
Gründung der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden und des Jüdischen Museums
Zu Beginn der sechziger Jahre zeigte sich ein Sinneswandel. Das Bemühen um eine Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Frankfurts fand zunehmend mehr Unterstützung. Der Wunsch, die Tradition nicht abreißen zu lassen, führte 1961 zur Gründung der „Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden”. Sie stellte sich bewusst der schweren Aufgabe, die furchtbare jüngste Vergangenheit zu dokumentieren. Ihre Arbeit bildet in vielerlei Hinsicht die Grundlage für die wissenschaftliche Tätigkeit des heutigen Jüdischen Museums und hat gerade in den vergangenen Jahren wieder zahlreiche Anregungen und Ideen eingebracht.
Erste Sitzung der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden am 17. Mai 1961
Eröffnung des Jüdischen Museums am 9. November 1988
In den siebziger Jahren zeigte sich zunehmend die Notwendigkeit, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit didaktisch aufzubereiten und einer breiteren Öffentlichkeit, vor allem der jüngeren Generation, in möglichst anschaulicher, zeitgemäßer Form zu vermitteln. Als die Stadt Frankfurt schließlich am 28. Februar 1980 unter dem damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann die Gründung des Jüdischen Museums beschloss, wurde diese Entscheidung von allen Parteien getragen.
Auch die jüdische Gemeinde in Frankfurt – die mittlerweile vierte Gemeinde in der Geschichte der Stadt – unterstützte das Museumsprojekt tatkräftig und engagiert. Das Museum wurde schließlich am 9. November 1988, dem 50. Jahrestag des Pogroms von 1938, eröffnet.
Die Idee dahinter
Das Jüdische Museum war von Anfang an nicht als isolierte Institution geplant, sondern sollte vielmehr in einen weitreichenden kulturellen Kontext integriert werden. Deshalb entschied man sich für die Einbettung in die Museumsufer-Konzeption der Stadt Frankfurt. Wir waren und sind immer zu gemeinsamen Veranstaltungen und Kooperationen bereit.
So erarbeiteten wir gemeinsam mit dem Museum für Post und Kommunikation die Ausstellung „Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten”. Auch die gelungene Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architekturmuseum ist hier zu nennen, insbesondere die gemeinsam erarbeitete und präsentierte Ausstellung „Die Architektur der Synagoge”. Die Ausstellung „Reise an kein Ende der Welt – Judaica aus der Gross Family Collection Tel Aviv” wurde teils im Museum der Weltkulturen, teils an unseren beiden Standorten präsentiert.
Ausstellung „Frankfurts demokratische Moderne und Leopold Sonnemann”, 2009/10
Eine besonders enge Zusammenarbeit verbindet uns mit den anderen Geschichtsinstituten Frankfurts. Mit dem Historischen Museum, dem Institut für Stadtgeschichte und dem Dommuseum erarbeiteten wir die Ausstellung „Die Kaisermacher: Frankfurt am Main und die Goldene Bulle · 1356–1806”, zu der wir den Ausstellungsteil „Kammerknechte: Der Kaiser und die Frankfurter Juden” beisteuerten. Zuletzt arbeiteten wir mit an der im Historischen Museum gezeigten Ausstellung „Frankfurts demokratische Moderne und Leopold Sonnemann”.
Gleichsam als Modell einer fruchtbaren Zusammenarbeit zeigen diese Ausstellungen, welche Möglichkeiten solche Kooperationen für die kulturelle Identität dieser Stadt bieten.
Daniel Kempin singt Lieder der jüdischen Arbeiterbewegung 1996
Inzwischen ist unser Haus eine feste Größe in der Frankfurter Kulturlandschaft. Zahlreiche Veranstaltungen, Liederabende oder Lesungen zeigen die Akzeptanz der Frankfurter. Aus naheliegenden Gründen ist das Museumskonzept hauptsächlich mit Bezug auf die Geschichte der Juden in Frankfurt umgesetzt.
Jedoch nicht nur die anschauliche Vermittlung jüdischen Lebens in Frankfurt ist angestrebt, sondern darüber hinaus gilt der Versuch, jüdische Geschichte als Geschichte einer Minorität in Deutschland zu vermitteln. Orientiert am lokalen Beispiel des Frankfurter Judentums öffnet sich so für zahlreiche Interessierte exemplarisch der Blick auf den größeren Kontext.
Auch wird in Bereichen, die etwa aufgrund fehlenden Materials nicht anhand der Stadtgeschichte thematisiert werden können, bewusst auf andere Beispiele zurückgegriffen. Das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt hat sich der Idee verschrieben, das Judentum als soziokulturelle Einheit zu zeigen.
Unsere Arbeit basiert auf einem Verständnis, das über eine bloße Darstellung als Religionsgemeinschaft hinausgeht. Wir möchten neben den religiösen Aspekten auch die kulturelle, soziale und historische Entwicklung beleuchten. Auch wenn wir viel Erinnerungsarbeit in bezug auf die jüngste deutsche Geschichte leisten, verstehen wir uns nicht als „Museum der jüdischen Leidensgeschichte” oder als „Holocaust-Museum”. Diese Dimension begleitet zwar ständig unsere Arbeit, steht jedoch nicht im Mittelpunkt.
Wir versuchen einen Beitrag zum Dialog und zur Wissensvermittlung zu leisten – gerade angesichts des zunehmenden politischen Desinteresses und aufkeimenden Rechtsradikalismus. Die Auseinandersetzung mit den Folgen von Antisemitismus und Rassismus sowie die Begegnung mit Kultur und Religion einer Minorität hilft, Vorurteile abzubauen. Unser Museum fungiert als ein Forum der direkten Kommunikation. Immer wieder bietet sich die Möglichkeit zur Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden.
Besonders deutlich wird dieses informelle, zwanglose Zusammentreffen der Menschen in unserem Buch-Café. Selbstverständlich ließe sich auch trefflich erzählen von all den Veranstaltungen, den Ausstellungen, Lesungen und Symposien der vergangenen zehn Jahre. Viele bewegende Momente und wertvolle Gespräche bleiben in Erinnerung – wir hoffen, daß auch unsere Besucher sich gern der Eindrücke und Erfahrungen, welche sie in unserem Hause sammeln konnten, erinnern.
Wie es weiterging
Die Wahl des Standortes für das Museum gestaltete sich damals problemlos. Die Gebäude am Untermainkai 14–15 erschienen für die Aufgabe geradezu prädestiniert. Neben der günstigen Lage war auch ihre historische Bedeutung ausschlaggebend. Das unter Denkmalschutz stehende Haus Untermainkai 15, das Rothschildpalais, wurde 1821 von Stadtbaumeister Johann Friedrich Christoph Hess erbaut und 1846 von Mayer Carl von Rothschild erworben.
Von 1894 bis 1967 beherbergte es die 1888 gegründete „Freiherr Carl von Rothschild'sche öffentliche Bibliothek”. Die repräsentative klassizistische Fassade des Gebäudes und die historische Innenausstattung des Treppenaufgangs sowie einiger Räume im Erdgeschoss vermitteln einen lebendigen Eindruck von der Blütezeit jüdischen Lebens in Frankfurt.
Die gelungene Verbindung von historischer Bausubstanz mit den Funktionsräumen eines modernen Museums ist wohl die herausragendste Leistung des zwischen 1985 und 1988 erfolgten Umbaus. Im Dezember 1985 wurde die Museumsleitung berufen. Es begann eine Phase intensiver funktions- und nutzungsbezogener Planung und Durchführung. Gemeinsam mit Architekten, Historikern, Museumspädagogen und Judaisten entwickelte die Museumsleitung das Museumskonzept.
Es galt hierbei vor allem einer Verengung der Perspektiven entgegenzutreten - also der Wahrnehmung jüdischer Geschichte als reiner Leidensgeschichte von den mittelalterlichen Verfolgungen bis hin zum Holocaust. Aber auch der Tendenz einer allzu unkritischen Verklärung der deutsch-jüdischen Symbiose in den vor allem auf kulturellem Gebiet fruchtbaren Jahren vor 1933 musste entgegengetreten werden. Dies wurde und wird durch die Setzung weitergehender inhaltlicher Schwerpunkte geleistet.
Dabei ist neben der Präsentation des alltäglichen jüdischen Lebens vor allem an die Darstellung und Würdigung des Emanzipationsprozesses und der Überwindung der Ghettoisierung im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu denken. Als weiterer Schwerpunkt ist das Leben der Juden in Deutschland nach 1945 zu nennen, das sowohl in der Dauerausstellung als auch im Rahmen verschiedener Sonderausstellungen thematisiert wurde.
Die Erarbeitung und Präsentation dieser Sonderausstellungen ist für unser Haus von besonderer Bedeutung. Bieten sie nicht nur Gelegenheit, thematische Schwerpunkte fortzuführen und zu vertiefen, sondern gestatten darüber hinaus auch einen weitaus kreativeren Umgang mit dem Material, als er im Rahmen einer permanenten Präsentation möglich ist.
Internationale Verbindungen
Neben der in den unterschiedlichsten Ausstellungen sichtbaren Arbeit leistet das Jüdische Museum einen weitgehenden Beitrag zur Forschung. Die Einbindung in zahlreiche wissenschaftliche Projekte sowie die Vielzahl der Anfragen aus aller Welt dokumentieren einmal mehr die inzwischen erfahrene nationale sowie internationale Positionierung unseres Hauses.
Die Zusammenarbeit mit anderen deutschen Museen wie dem Bonner Haus der Geschichte oder den Jüdischen Museen in Berlin und München ist ebenso erfreulich und erfolgreich wie mit internationalen Institutionen in Jerusalem, New York, Amsterdam, Paris, Wien, Prag, Budapest, Warschau, Athen oder Istanbul. Aber nicht nur vor dem Hintergrund unserer wissenschaftlichen Arbeit ist dieses überregionale Netzwerk von größter Bedeutung: Durch die Kontakte mit Kollegen und Institutionen des In- und Auslandes war und ist es immer wieder möglich, in Frankfurt hochkarätige Ausstellungen internationaler Provenienz vorzustellen und darüber hinaus auch die in unserem Hause geleistete Arbeit in einem ganz anderen Rahmen außerhalb Frankfurts zu präsentieren.
Wege zur Kunst
Unser Bemühen, einen Dialog zu fördern, der das Judentum als lebendige Wirklichkeit präsentiert, entwickelt sich wohl am unmittelbarsten und fruchtbarsten in der Auseinandersetzung mit Künstlern und ihrem Werk. Dieses Thema nimmt daher zu Recht einen breiten Raum in den Ausstellungsaktivitäten unseres Museums ein.
Einen Schwerpunkt der jüngsten Jahre bildet die Erforschung und Präsentation der Werke Ludwig Meidners, dessen bildnerischen Nachlass das Jüdische Museum 1994 erwerben konnte.
Ausstellung „Die Juden von Griechenland“, 2001
In der Erforschung und Vorstellung jüdischer Künstler der Vergangenheit und Gegenwart sehen wir auch eine Aufgabe gegenüber der heutigen Jüdischen Gemeinde Frankfurts. Deren mittlerweile rund 7 000 Mitglieder sind in das gesellschaftliche Leben der Stadt voll integriert. Sie spielen eine bedeutende Rolle bei der wirtschaftlichen wie kulturellen Entwicklung Frankfurts. Wir wollen mit unseren Aktivitäten zu vermehrter eigenständiger kultureller Produktion anregen.
Der „Nachwuchs” – das Museum Judengasse
Die Aufbauphase des Jüdischen Museums wurde begleitet von der Planung und Realisation des Museums Judengasse. Die heftige öffentliche Kontroverse zu diesem Thema soll an dieser Stelle nicht erörtert werden; es sei auf die Ausstellungen „Stationen des Vergessens” und die begleitende Publikation verwiesen, die den Börneplatz-Konflikt dokumentierten. Im November 1992 wurde das Museum Judengasse als Dependance des Jüdischen Museums eröffnet. Es erfreut sich seither des lebhaften Interesses der Öffentlichkeit, der hier neben einer detaillierten Dokumentation jüdischen Alltagslebens im einstigen Ghetto auch Ausgrabungen der Judengasse zugänglich gemacht wurden. Auch kleinere Sonderausstellungen werden gezeigt.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang das Projekt Infobank Judengasse: Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Frankfurter Judengasse, stehen meist die bekannten, spektakulären Ereignisse im Vordergrund. Oft geraten die Geschichten all der weniger bekannten Menschen in Vergessenheit, die hier über vier Jahrhunderte ihre Heimat hatten. Geldverleiher, Händler, Rabbiner, Lehrer oder Hausierer sowie deren Kinder und Frauen – diese Lebensgeschichten finden sich in der Infobank Judengasse.
Es handelt sich hierbei um ein einfach zu bedienendes Informationssystem, anhand dessen man sich auf einen einzigartigen Streifzug durch die Judengasse begeben kann. Gleichsam im Vorbeigehen erfährt man etwas über eine jüdische Augenärztin aus dem 15. Jahrhundert, über die Geschichte des Hauses Handschuh, über unbekannte Berufe wie den Jobwächter oder berühmte Gelehrte wie Juspa Hahn.
Wie es weitergehen wird
Ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit wird auch in den kommenden Jahren der Ausbau unserer Sammlung sein. Nach den dramatischen Brüchen der Nazizeit, nach Diskriminierung, Vertreibung und Völkermord kann sich ein Jüdisches Museum nicht darauf beschränken, lediglich Judaica oder jüdische Kunst zu sammeln.
Die Einbindung der Sammlungstätigkeit in einen größeren Zusammenhang ist notwendig: Trotz allem aber gehört dieser Bereich zu den wesentlichen Aufgaben unseres Hauses. Da die Stadt Frankfurt ihren Museen seit Mitte der 90er Jahre keine Ausstellungsetats mehr zur Verfügung stellen kann, ist verstärkt die Initiative der einzelnen Häuser in bezug auf Sponsoring, Schenkungen und private Unterstützung gefragt.
Auch unser 1995 ins Leben gerufene Förderverein, die „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums e.V.” spielt hierbei eine aktive Rolle. Gern würden wir noch mehr begeisterte Mitglieder gewinnen. Einen herzlichen Dank auch an dieser Stelle an alle, die durch Schenkungen die Bestände unseres Museums um oftmals wertvolle Objekte bereicherten und damit entscheidend zum qualitativen Ausbau der Sammlung beitrugen. Vor diesem Hintergrund halten wir es für sehr wichtig, die internationale Zusammenarbeit weiterhin zu pflegen.
Nach wie vor ist es leider so, dass man im Ausland weit mehr Frankfurter Judaica finden kann als in Frankfurt selbst. Unser Bestreben geht dahin, durch Leihgaben diese Exponate wenigstens zeitweise in Frankfurt präsentieren zu können. Wir hoffen, daß wir auch weiterhin mit unseren Aktivitäten unsere Besucher ansprechen und den Dialog zwischen Juden und Nichtjuden fördern können. Unser Arbeit soll geprägt werden von dem Bemühen, Juden und Judentum nicht als museal konservierte Vergangenheit, sondern als lebendige Wirklichkeit darzustellen.
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